Die Sensationsmeldung des Tages lautet, dass Tesla in Brandenburg die Gigafactory für Europa bauen möchte. Das klingt wie ein Grund zum Jubeln.

Dass dadurch ein Problem entsteht, ist weitgehend unbekannt, denn nur wenigen sagt der Begriff „EU-Kohäsionspolitik“ etwas. Es gibt nämlich seit 1986 ein Abkommen, EU-weit vergleichbare Lebensbedingungen zu schaffen. Dazu gehört auch, dass die Industrie „fair“ auf ganz Europa (um)verteilt wird.

Sollte Ihnen das neu sein, dann verstehen Sie nun, warum VW die modernste Autofabrik Europas in Polen gebaut hat, und nicht in Wolfsburg. Sie verstehen nun vielleicht auch, warum man in die schwedische Batterieproduktion investiert, und nicht in die eigene. Sie verstehen nun vielleicht auch, warum VW in Deutschland Stellen abbaut. Bei anderen deutschen Autobauern ist das nicht anders. Auch Mercedes und BMW wollen Stellen abbauen.
Last but not least verstehen Sie nun vielleicht auch warum Schäuble in einem Interview davon spricht, dass in Deutschland die Lohnstückkosten steigen müssen damit andere EU-Staaten wettbewerbsfähiger werden. So erklärt sich im Übrigen auch das bescheidene Wirtschaftswachstum in Deutschland.

Was bedeutet die Geschichte mit der Gigafactory in Brandenburg nun konkret? Sie bedeutet, dass in Deutschland durch Tesla Arbeitsplätze geschaffen werden, die zwingend anderswo wegfallen müssen. Fielen sie nicht weg, hätte Deutschland auf einmal mehr Industrie und Arbeitsplätze, als ihm nach dem internen Verteilungsschlüssel zusteht. Die wunderschöne Meldung, dass Tesla die Konjunktur auf dem Automarkt ankurbelt, verpufft somit in einer Art Nullsummenspiel. Unter dem Strich wird sich gar nichts ändern, lediglich in anderen Regionen Deutschlands werden noch mehr Stellen abgebaut. Etwas ändert sich natürlich schon: Brandenburg wird es wirtschaftlich etwas besser gehen, und somit dürfte sich auch das Wahlverhalten wieder normalisieren.

P.S.: Wer meint, eine Demontage der deutschen Industrie hätten wir doch schon einmal erlebt, dem möchte ich widersprechen. Damals gab es noch keine Bundesregierung, die so etwas (mit)beschlossen hätte. Als es dann eine gab, hat sie als erstes ausgehandelt, dass die Demontagen gestoppt werden. Eher makaber ist in diesem Zusammenhang, dass das VW-Werk damals der Demontage mehr oder weniger noch durch einen Zufall entgehen konnte. Ähnliches Glück wird VW diesmal nicht beschieden sein, denn der direkte Konkurrent erzwingt über Standortpolitik ein Downsizing durch die Hintertür.

 

Update (14.11.2019): Im Spiegel kann man lesen, dass der Standort eigentlich für BMW vorgesehen war. Der Coup richtet sich damit offenbar direkt gegen die BMW 3er-Reihe. Mit den Modellen kenne ich mich nicht aus, aber vom Preissegment her in der sportlichen Mitteklasse dürfte es passen.
Ein trauriger Nebeneffekt ist, dass nun bereits erste Stimmen fordern, die staatliche Förderung der deutschen Batterieentwicklung neu zu überdenken.
Wie gerufen passt eine Meldung vom heutigen Tag um 10:25 Uhr ins Bild: Mercedes will bis 2023 eine Millarde Euro bei den Personalkosten einsparen.

Update (16.11.2019): Setzt man die Anzahl der Standortorte zu den Einwohnerzahlen in Relation, zeigt sich ein ähnliches Niveau der Industrialisierung. Werden in Deutschland zusätzliche Standorte gebaut, muss das dadurch entstandende Ungleichgewicht ausgeglichen werden. Entweder es werden im Gegenzug andere Standorte geschlossen, oder die restlichen EU-Staaten ziehen nach, oder last but not least steigt in Deutschland die Einwohnerzahl.
Es gibt zur Deindustrialisierung im Zuge der EU-Kohäsionspolitik einige Beispiele aus der Vergangenheit. Das deutlichste dürfte die Zerschlagung der DDR-Industrie durch die Treuhand gewesen sein, mit der das hohe Niveau in Westdeutschland bewahrt werden konnte. Auch damals wurden bereits „Geschenke“ an EU-Nachbarn gemacht. Ein weiteres Beispiel ist die Zerschlagung der Hoechst AG, des einstmals größten Chemiekonzerns der Welt.

Update (17.11.2019): Offenbar zeitgleich hat VW angekündigt, eine neue Fabrik in den USA zu bauen. Zufälle gibt’s. Da kommt der US-Außenminister zu Besuch, und kurz darauf geht es rund. VW schafft nun direkt Arbeitsplätze in den USA, obwohl man noch vor kurzem massiv in Mexiko investieren wollte.

Update (26.11.2019): Wer bei dieser „Reise nach Jerusalem“ den letzten Sitzplatz verpassen wird, ist nicht mit Sicherheit vorherzusagen. Klar ist lediglich, dass es andere deutsche Autofabriken erwischt. Heute meldet der Spiegel, dass Audi innerhalb der nächsten 5 Jahre 9.500 Arbeitsplätze abbauen wird.

Update (03.12.2019): Leser dieses Blogs dürften durch folgende Nachricht nicht überrascht sein. Tesla schafft Arbeitsplätze und im Gegenzug bauen deutsche Konzerne Arbeitsplätze ab. Das ist normalerweise ein Widerspruch, da sie alle im gleichen Marktsegment tätig sind. Wir haben es hier jedoch nicht mit der Wachstumsbranche E-Auto zu tun, sondern mit einem Nullsummenspiel. Das Geschäftsmodell, das hinter der Umstellung auf E-Autos steckt, besteht darin, der gesamten Welt ihre Autos ein zweites mal zu verkaufen. Normalerweise müssten die deutschen Autohersteller bei der zu erwartenden Nachfrage ihre Produktionskapazitäten erhöhen. Sie machen jedoch brav Platz für andere.

Update (09.12.2019): Deutschland darf die Batterieherstellung suventionieren. Man beachte dabei den europäischen Verteilungsschlüssel.

Update (18.12.2019): Die Meldung des Tages ist die Fusion des französischen Autobauers Peugot mit Fiat-Crysler. Nur noch VW (Deutschland), Toyota (Japan) und Renault-Nissan (Frankreich/Japan) sind größer. Leide ich an Diplopie, oder tauchen Frankreich und Japan doppelt auf? Das erinnert mich irgendwie an ein amerikanisches Sprichwort: If you have been in a poker game for a while, and you still don’t know who the sucker is, you’re the sucker!

Update (04.01.2019): Offenbar plant Tesla, 500.000 Autos pro Jahr in Brandenburg zu produzieren. Das ist insoweit interessant, weil deutsche Hersteller damit 500.000 Autos pro Jahr weniger produzieren müssten, um die bisherige Produktionsquote zu halten. Die Nachfrage steigt nicht mit der Produktion.

Update (15.01.2019): Bei Opel hat die französische Konzernleitung entschieden, dass demnächst in Deutschland bis zu 4.100 Stellen abgebaut werden.

Update (30.01.2019): Nun will Tesla auch noch Subventionsgelder für Batterieentwicklung abgreifen. Darf’s ein bisschen mehr sein? Hier zeigt sich die völlige Hilflosigkeit eines völlig hilflosen Systems. Da fragt man sich, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Die Antwort liegt in der Rechtsprechung des EuGH, mit der die Souveränität der Mitgliedsstaaten eingeschränkt wurde. Praktisch jede Handlung, mit der ein Mitgliedsstaat seine eigene Wirtschaft schützen will, kann vor dem EuGH weggekegelt werden. Das Ergebnis ist vergleichbar mit einer Immunschwäche, die zur Erkrankung der Wirtschaft führt. Was ursprünglich der Schaffung von gleichen Bedingungen im EU-Binnenmarkt dienen sollte, wird nun von aggressiven Wettbewerbern brutal ausgenutzt.