{"id":47415,"date":"2023-07-16T08:19:57","date_gmt":"2023-07-16T06:19:57","guid":{"rendered":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/?p=47415"},"modified":"2023-07-16T09:00:39","modified_gmt":"2023-07-16T07:00:39","slug":"hochstapler-als-topanwalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/hochstapler-als-topanwalt\/","title":{"rendered":"Hochstapler als Topanwalt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die LTO berichtet \u00fcber den <a href=\"https:\/\/t1p.de\/n98dp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fall eines heutigen Elektriker-Azubis<\/a>, der zuvor als Anwalt in einer sog. &#8222;Gro\u00dfkanzlei&#8220; t\u00e4tig war, obwohl er sein Jurastudium nach wenigen Semestern abgebrochen hatte. Nat\u00fcrlich stellt sie die Frage, wieso der Hochstabler nicht <strong>sofort<\/strong> aufgeflogen ist. Es ist im \u00dcbrigen nicht der einzige Fall dieser Art. Hochstapler mit gef\u00e4lschten Examenszeugnissen kommen hin und wieder vor, z.B. <a href=\"https:\/\/t1p.de\/zg4fz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>. Die Frage ist bleibt jedoch immer dieselbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Zusammenhang ist auf dem weltber\u00fchmten <a href=\"https:\/\/t1p.de\/a8pex\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gert Postel<\/a> zu erinnern, einen Postboten der jahrelang als Oberarzt in der Psychiatrie arbeitete und u.a. als Pr\u00fcfer t\u00e4tig war und Gutachten f\u00fcr Gerichte erstellte. Auch beim ihm stellte sich nat\u00fcrlich die Frage, wieso das nicht <strong>sofort<\/strong> aufgefallen ist. In seinem Fall war die Erkl\u00e4rung eine Mischung aus Anscheinsvermutung und Selbstschutz, in Form von der Angst, sich durch Kritik m\u00f6glicherweise selbst als inkompetent zu outen. Die Psychiatrie ist f\u00fcr Hochstapler besonders gut geeignet, weil man von ihr keine Ergebnisse erwartet. Da bez\u00fcglich der Heilung von Verr\u00fcckten keine Erwartungshaltung besteht, muss man auch keiner gerecht werden. Die These Gert Postels, dass er in der Psychiatrie nur ein Hochstapler unter vielen war, teile ich nicht, obwohl ich diese Aussage f\u00fcr durchaus bemerkenswert halte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grunds\u00e4tzlich anders sieht es mit der Erwartungshaltung bei Anw\u00e4lten aus. Insbesondere in Gro\u00dfkanzleien stehen sie unter massivem Erwartungsdruck. Um den Druck ein wenig abzufedern, ist der Ma\u00dfstab typischerweise nicht der Erfolg, sondern die Mandantenzufriedenheit. Diese erreicht man durch eine gute Show, dem Ausstrahlen von Kompetenz, Freundlichkeit und dem Anschein von maximaler Bem\u00fchung. Mit anderen Worten: Mehr Schein, als Sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts desto trotz m\u00fcsste es doch <strong>sofort<\/strong> auffallen, wenn ein junger Anwalt frisch aus dem Referendariat kommt, aber keine Ahnung von Jura hat. Falsch!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade in Jura besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Theorie und Praxis. In der Theorie nat\u00fcrlich nicht, aber in der Praxis schon. Im Jurastudium besch\u00e4ftigt man sich mit Denksportaufgaben zu absurden Freak-Konstellationen, die so entweder noch gar nicht, oder allenfalls in den letzten 100 Jahren gerade einmal vorgekommen sind. Mit der anwaltlichen T\u00e4tigkeit in einer Gro\u00dfkanzlei hat dieser K\u00e4se nicht das Geringste zu tun. Mit anderen Worten: Die Anwaltsanf\u00e4nger, die sog. &#8222;Associates&#8220;, fangen dort bei Null an und werden von den erfahrenen Kollegen langsam an die T\u00e4tigkeiten herangef\u00fchrt. Zitat:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">&#8222;Berufsanf\u00e4nger w\u00fcrden sich zwar im Recht auskennen, f\u00fcr ihren Einsatz im Immobilienrecht m\u00fcssten sie aber ohnehin einen Crashkurs durchlaufen, dicke Reader durcharbeiten, erkl\u00e4rt der Partner. Diese Juristen arbeiteten zun\u00e4chst im Hintergrund, pr\u00fcften Mietvertr\u00e4ge, erstellten Memos f\u00fcr gro\u00dfe Investorengesch\u00e4fte. Kontakt zu Mandanten oder eigene Endverantwortung h\u00e4tten sie nicht. Die Pr\u00fcfung von Mietvertr\u00e4gen f\u00fcr sogenannte Due-Diligence-Verfahren sei ein rechtlich \u00fcberschaubarer Bereich. &#8222;Wenn Sie das mal drei Monate gemacht haben, kennen Sie sich aus&#8220;, schildert der Partner. G kam zurecht, tippte in Excel-Tabellen, recherchierte selbst in Datenbanken. Wo es juristisch knapp wurde, fragte er seinen Mentor, den Notar, und lie\u00df wohl auch Wissenschaftliche Mitarbeiter zuarbeiten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass er nicht wegen Inkompetenz aufgeflogen ist, sondern durch das ungew\u00f6hnliche Pr\u00fcfungsdatum (Pfingstmontag) auf seinem Examenszeugnis, sagt bereits alles. &#8222;Fake it until you make it&#8220; wird zur realen Handlungsoption, wenn den Job im Prinzip jeder machen kann. Der Fall ist nun schon zum <a href=\"https:\/\/t1p.de\/j6ccp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zweiten mal vor Gericht<\/a>, weil man sich \u00fcber die Rechtsfrage streitet, ob dies <em>wirklich<\/em> als Betrug strafbar ist. Dar\u00fcber entscheiden nat\u00fcrlich echte Juristen, denen man auf einem Originalzettel bescheinigt hat, dass sie dazu <em>wirklich<\/em> geeignet sind. Dies wiederum erinnert entfernt an &#8222;<a href=\"https:\/\/t1p.de\/fzqiu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Vertrag<\/a>&#8220; von Ludwig Thoma:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">&#8222;Der k\u00f6nigliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von m\u00e4\u00dfigem Verstande. Er k\u00fcmmerte sich nicht um das Wesen der Dinge, sondern ausschlie\u00dflich darum, unter welchen rechtlichen Begriff dieselben zu subsummieren waren. Eine Lokomotive war ihm weiter nichts als eine bewegliche Sache, welche nach bayrischem Landrechte auch ohne notarielle Beurkundung ver\u00e4u\u00dfert werden konnte, und f\u00fcr die Elektricit\u00e4t interessierte er sich zum ersten male, als er dieser modernen Erfindung in den Bl\u00e4ttern f\u00fcr Rechtsanwendung begegnete und sah, da\u00df die Ableitung des elektrischen Stromes den Thatbestand des Diebstahlsparagraphen erf\u00fcllen k\u00f6nne. Er war Junggeselle. Als Rechtspraktikant hatte er einmal die Absicht gehegt, den Ehekontrakt einzugehen, weil das von ihm ins Auge gefa\u00dfte Frauenzimmer nicht unbemittelt war, und da \u00fcberdies die Ehelosigkeit schon in der <tt>lex Papia Poppaea de maritandis ordinibus<\/tt> ausdr\u00fccklich mi\u00dfbilligt erschien. Allein der Versuch war mit untauglichen Mitteln unternommen; das M\u00e4dchen mochte nicht; ihr Willenskonsens ermangelte und so wurde der Vertrag nicht perfekt. Alois Eschenberger hielt sich von da ab das weibliche Geschlecht vom Leibe und widmete sich ganz den Studien. Er bekam im Staatsexamen einen Brucheinser und damit f\u00fcr jede Dummheit einen Freibrief im rechtsrheinischen Bayern.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die LTO berichtet \u00fcber den Fall eines heutigen Elektriker-Azubis, der zuvor als Anwalt in einer sog. &#8222;Gro\u00dfkanzlei&#8220; t\u00e4tig war, obwohl er sein Jurastudium nach wenigen Semestern abgebrochen hatte. Nat\u00fcrlich stellt sie die Frage, wieso der Hochstabler nicht sofort aufgeflogen ist. Es ist im \u00dcbrigen nicht der einzige Fall dieser Art. 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