{"id":16506,"date":"2020-09-26T08:26:32","date_gmt":"2020-09-26T06:26:32","guid":{"rendered":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/?p=16506"},"modified":"2023-11-16T21:09:49","modified_gmt":"2023-11-16T19:09:49","slug":"malvenbluetentee-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/malvenbluetentee-fall\/","title":{"rendered":"Klassiker: Malvenbl\u00fctentee-Fall"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Gestern wurde eine &#8222;Sektenf\u00fchrerin&#8220; vom LG Hanau wegen Mordes an einem 4-j\u00e4hrigen Jungen verurteilt, der in einem <a href=\"https:\/\/www.hessenschau.de\/panorama\/nach-ueber-dreissig-jahren-gutachter-belastet-sekten-chefin-in-hanauer-mordprozess,prozess-sektenchefin-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Leinensack<\/a> &#8211; kein Plastiksack &#8211; erstickt ist. Wie die SZ bereits <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/sektenfuehrerin-soll-jungen-getoetet-haben-16439761.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">letztes Jahr<\/a> berichtete, wurde der Frau vorgeworfen, in den Mittagsstunden des 17.August 1988 den Vierj\u00e4hrigen, der in ihrer Obhut stand, vollst\u00e4ndig in einen Leinensack eingeschn\u00fcrt und im Badezimmer abgelegt zu haben. Die Angeklagte soll das Kind als &#8222;vom Dunklen besessen&#8220; angesehen haben und es deshalb t\u00f6ten wollen. Trotz einer Au\u00dfentemperatur von 32 Grad soll sie gezielt die Luftzufuhr des Raumes verringert und den im Leinensack eingeschn\u00fcrten, panisch und laut schreienden Jungen in dem Badezimmer seinem Schicksal \u00fcberlassen haben. Kurze Zeit sp\u00e4ter, so der Vorwurf, sei der Vierj\u00e4hrige, wie von der Angeklagten &#8222;geplant und beabsichtigt&#8220;, nach einem erbitterten Todeskampf gestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schicksal des Opfers und die Todesumst\u00e4nde sind tragisch, daran besteht kein Zweifel, aber ob es sich wirklich so abgespielt hat, kann man nach so langer Zeit nur noch vermuten. Daher m\u00f6chte ich diesen Fall zum Anlass nehmen, um auf einen Justizklassiker hinzuweisen, den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maria_Rohrbach\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Malvenbl\u00fctentee-Fall<\/a>:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Am 12. April 1957 entdeckten zwei Kinder beim Spielen den im Wasser schwimmenden Unterk\u00f6rper einer m\u00e4nnlichen Leiche. Stunden zuvor hatte ein G\u00e4rtner den dazugeh\u00f6rigen Oberk\u00f6rper im flussaufw\u00e4rts gelegenen Aasee gefunden. Die Teile \u2013 es fehlten noch der Kopf und die Beine \u2013 geh\u00f6rten zu einem etwa 40 Jahre alten Mann, der offensichtlich get\u00f6tet und anschlie\u00dfend zers\u00e4gt worden war. Wie die sp\u00e4teren Ermittlungen ergaben, handelte es sich bei der Leiche um den Anstreicher Hermann Rohrbach aus M\u00fcnster.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Die Ermittlungsbeh\u00f6rden und das gesamte Umfeld von Rohrbach legten sich in einer Art Vorverurteilung schnell auf Rohrbachs Frau Maria als T\u00e4terin fest. Sie hatte zur Tatzeit eine au\u00dfereheliche Beziehung zu einem britischen Besatzungssoldaten, die von ihrem 16 Jahre \u00e4lteren Mann allerdings geduldet wurde. Hermann Rohrbach selbst war homosexuell und die Ehe f\u00fcr beide eine Zweckgemeinschaft.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Trotz intensiver polizeilicher Verh\u00f6re legte Maria Rohrbach kein Gest\u00e4ndnis ab, sondern beteuerte stets ihre Unschuld. Da die Ermittlungsbeh\u00f6rden fest davon ausgingen, mit Maria Rohrbach die M\u00f6rderin gefasst zu haben, bauten sie die Anklage vor dem Landgericht M\u00fcnster auf Indizien auf.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Eine Schl\u00fcsselrolle spielten in dem Indizienprozess der fehlende Kopf des Opfers und das Gift Thallium. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass Maria Rohrbach ihren Mann \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum systematisch mit Thallium vergiftet, am 11. April 1957 letztlich ermordet und dann zerst\u00fcckelt habe. Das Thallium stamme aus dem Rattengift Celiopaste, das die Angeklagte ihrem Mann in Malvenbl\u00fctentee verabreicht habe. Die These des Malvenbl\u00fctentees wurde aufgestellt, da Celiopaste aus Sicherheitsgr\u00fcnden mit einem intensiven tiefblauen Farbstoff versehen ist und dieser Tee das zur damaligen Zeit einzige Nahrungsmittel war, das von Natur aus eine \u00e4hnliche Farbe hat. In der Rohrbachschen Wohnung wurden jedoch weder das damals nur per Unterschrift in Drogerien erh\u00e4ltliche Celiopaste noch der Malvenbl\u00fctentee gefunden. Der M\u00fcnchner Chemiker Walter Specht, der als Gutachter in diesem Prozess auftrat und daf\u00fcr die Summe von 3500 DM erhielt, fand bei Analysen in Hermann Rohrbachs Torso und in dem Kaminrohr der Wohnung erhebliche Mengen von Thallium. Daraus wurde geschlossen, dass Maria Rohrbach den Kopf ihres Gatten nach der Zerteilung des K\u00f6rpers im heimischen Ofen verbrannt habe. (..)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Am 18. April 1958 wurde Maria Rohrbach vom Schwurgericht wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Die Vollstreckung der Strafe erfolgte in der Frauenstrafanstalt Anrath. (..)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Im ungew\u00f6hnlich hei\u00dfen und trockenen Sommer 1959 tauchte der Sch\u00e4del des Ermordeten \u2013\u00a0von dem man angenommen hatte, er sei verbrannt worden\u00a0\u2013 in einem ausgetrockneten T\u00fcmpel (ein ehemaliger Bombentrichter) auf.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Am 3. Mai 1961 begann ein Wiederaufnahmeverfahren. Im Verlaufe dieses Verfahrens wurden erhebliche Fehler bei der Durchf\u00fchrung der Gutachten des Chemikers Walter Specht, unter anderem durch Heinrich Kaiser, aufgedeckt. Speziell bei der Durchf\u00fchrung der Analytik zum Nachweis der angeblichen Thallium-Vergiftung wurden haarstr\u00e4ubende methodische M\u00e4ngel nachgewiesen. Am 30. Juni 1961 wurde Maria Rohrbach schlie\u00dflich durch ein Schwurgericht im Landgericht M\u00fcnster wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. In diesem Verfahren wurde lediglich festgestellt, dass Maria Rohrbach ihren Mann nicht durch Rattengift umgebracht haben konnte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: justify;\">Nach Aussage des zust\u00e4ndigen Landgerichtsdirektors K\u00f6sters war es dem Gericht nicht m\u00f6glich, Rohrbach &#8222;wegen erwiesener Unschuld freizusprechen&#8220;, so dass &#8222;ein erheblicher Tatverdacht an ihr h\u00e4ngenbleibt&#8220;. Aus diesem Grund erhielt sie f\u00fcr die verb\u00fc\u00dfte Haftstrafe von vier Jahren und zwei Monaten auch keine Haftentsch\u00e4digung, da diese, so K\u00f6sters, &#8222;nur v\u00f6llig Unschuldigen gew\u00e4hrt werden k\u00f6nne&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man beachte die Anklagehypothese der Staatsanwaltschaft, das Opfer k\u00f6nne nur mit Malvenbl\u00fctentee vergiftet worden sein, weil kein vern\u00fcnftiger Mensch ein blaues Getr\u00e4nk zu sich nehme, ohne dabei argw\u00f6hnisch zu werden. Da der Kopf der Leiche fehlte und Giftr\u00fcckst\u00e4nde im Kaminrohr nachgewiesen wurden, schloss man messerscharf, dass er im Ofen verbrannt worden sein musste. Dr. Watson w\u00e4re mit Sicherheit beeindruckt gewesen. Wie man im Jahre 1958 eine Wasserleiche ohne Kopf identifizieren konnte, fragen Sie mich bitte nicht. Vielleicht wurde der Ausweis in der Hosentasche gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte sich jedoch fragen, ob es nicht v\u00f6llig egal sei, wie das Gift in den K\u00f6rper gekommen ist und wo der Kopf der Leiche verblieben ist, aber so einfach ist das nicht. Es muss ein direkter Zusammenhang zu der angeklagten Ehefrau konstruiert werden, und nicht beispielsweise zu irgendwelchen Arbeitskollegen, oder sonstigen Privatbekanntschaften des Opfers. Bemerkenswert ist insoweit, dass nicht nur die Staatsanwaltschaft mit einer kreativen Erkl\u00e4rung aufgewartet hat, sondern ihr diese Geschichte auch noch von den drei Berufsrichtern und den sechs Sch\u00f6ffen, mit denen ein Schwurgericht damals besetzt war, geglaubt wurde. An dieser Stelle zeigen sich auch die Vorteile der <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/gg\/art_102.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Abschaffung der Todesstrafe<\/a>, denn die bl\u00fchende Phantasie der Justiz h\u00e4tte noch 15 Jahre fr\u00fcher zur Hinrichtung durch die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Guillotine#Das_%E2%80%9ETegel-Fallbeil%E2%80%9C\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Fallschwertmaschine<\/a> gef\u00fchrt. Heutzutage sind wir in der Lage, Justizirrt\u00fcmer zu korrigieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Update (16.11.2023): Nachdem die letzte Entscheidung vom BGH kassiert wurde, hat das LG Frankfurt die <a href=\"https:\/\/t1p.de\/fbhp0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Angeklagte erneut verurteilt<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern wurde eine &#8222;Sektenf\u00fchrerin&#8220; vom LG Hanau wegen Mordes an einem 4-j\u00e4hrigen Jungen verurteilt, der in einem Leinensack &#8211; kein Plastiksack &#8211; erstickt ist. Wie die SZ bereits letztes Jahr berichtete, wurde der Frau vorgeworfen, in den Mittagsstunden des 17.August 1988 den Vierj\u00e4hrigen, der in ihrer Obhut stand, vollst\u00e4ndig in einen Leinensack eingeschn\u00fcrt und im<span class=\"excerpt-more\"> [&#8230;]<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Klassiker: Malvenbl\u00fctentee-Fall - Rechtsanwalt Markus Domanski","description":"Gestern wurde eine \"Sektenf\u00fchrerin\" vom LG Hanau wegen Mordes an einem 4-j\u00e4hrigen Jungen verurteilt, der in einem Leinensack - kein Plastiksack - erstickt ist."},"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[748,310,747],"class_list":["post-16506","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-strafrecht","tag-beweiswuerdigung","tag-sachverstaendige","tag-vorsatz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16506"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16506\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ra-domanski.de\/page\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}