Derweil haben Polen und Tschechien mutmaßlich schon mal Atemmasken und Beatmungsgeräte eingesammelt, Kenia anscheinend auch. Seit gestern wird in Italien zurückbeschlagnahmt. Mit der vielgepriesenen Solidarität scheint es in Kriesenzeiten schlecht bestellt zu sein. Woran liegt das, und warum macht Deutschland – wie so oft – eine Ausnahme?

Es liegt an dem Gleichnis vom Brett des Karneades. Wenn es hart auf hart kommt, darf man sein Leben sogar auf Kosten anderer retten. Das heißt, materiell bleibt die Handlung zwar rechtswidrig, aber sie ist entschuldigt. In der Rechtswissenschaft wird einzig diskutiert, ist, ob Staaten sich auf einen sog. „übergesetzlichen Notstand“ berufen dürfen. Manche Professoren sagen ja, andere sagen nein. In Deutschland gibt es eine Besonderheit: Werte.

Das kann dazu führen, dass wir derzeit freie Krankhausplätze mit Patienten aus anderen EU-Staaten belegen, und wenn dann demnächst deutsche Krankenversicherte versorgt werden müssen, ist kein Platz mehr frei. Diese „Lemming-Problematik“ habe ich bereits an anderer Stelle angesprochen. Auf der anderen Seite ist dieses Verhalten auch mit wahrem Heldentum gleichzusetzen. Die Deutschen werfen sich quasi auf die Handgranate. Das stimmt so natürlich nicht ganz. Politiker, für die immer ein Behandlungsplatz frei sein wird, lassen Krankenversicherte im Zweifel zugunsten von Dritten sterben, denn eines ist klar: Das Bett wird nicht geräumt, nur weil ein neuer Patient eingeliefert wird. Insoweit gilt das Prioritätsrinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Wer ein Problem damit hat, ist ein unsolidarischer nationaler Egoist! Spätestens an dieser Stelle sollte das Pawlow’sche Glöckchen klingeln.

 
Update (26.03.2020): Bei der FAZ sind mittlerweile auch schon klinisch-ethische Handlungsanweisungen zur Triage aufgetaucht. Von Ethik muss man den Patienten, die man behandelt, nichts erzählen. Das Warum ist denen egal. Diesen Begriff bekommen die präsentiert, die sterben müssen. Pech gehabt.

Update (27.03.2020): Wunderschön ist auch der Folgeartikel dazu. Dort spricht ein Theologe von „Solidaritätsressourcen“. Sterben aus Solidarität. Das gab es zuletzt bei den Nazis, und hieß „für Führer, Volk und Vaterland“. In Wirklichkeit geht es hier um Scheinheiligkeit. Die Solidaritätsressourcen, wenn es um das eigene Leben geht, sind genau Null. Der Wille der Betroffenen wird ignoriert. Damit es nicht herzlos wirkt, bekommen die Ethiker ihren Auftritt.

Update (30.03.2020): Wir müssen damit rechnen, dass die Kapazitäten nicht ausreichen. Ich rechne mit vielem, aber nicht damit, dass sich einer vor die Kamera stellt und jetzt noch den Überraschten spielt. Natürlich reichen die Kapazitäten nicht aus! Wenn morgen 10 Millionen Bundesbürger auf die Idee kommen, einen Mord zu begehen, reichen auch die Gefängnisse auch nicht aus.