Die Legal Tribune Online beschäftigt sich eine Juristin mit der Frage, ob das sog. „Catcalling“ strafbar sein müsse (Merke: Nicht „solle“) und empfielt zur Lösung dieses dringenden Problems einen Blick auf das vorbildliche Frankreich, wo diese offenkundige Belästigung als Ordnungswidrigkeit bewertet wird.

Nur weil ich selbst im fortgeschrittenen Alter von 54 Jahren das Catcalling noch nie auf der Straße gesehen bzw. gehört habe, heißt es nicht, dass es dieses Phänomen nicht gibt. Früher war es offenbar noch gängige Praxis, attraktiven Frauen hinterherzupfeiffen. Das beweist unter anderem dieses Interview mit Marilyn Monroe. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die meisten Frauen dies früher als Kompliment empfunden haben. Es war ein positivies Feedback für den oftmals gewaltigen Aufwand, den sie mit teurer Frisur, aufwendiger Schminke und aufreizender Kleidung erbracht haben.

Zwei Punkte werden dabei jedoch ausgeblendet:

  • Es gibt Frauen, denen noch nie jemand hinterhergepfiffen hat. Da ihnen trotz aller Bemühungen die verdiente Anerkennung versagt geblieben ist, dürfte sich ein nachvollziehbarer Unmut entwickelt haben. Dem ist abzuhelfen!
  • Es gibt Männer, die bisweilen so abstoßend sind, dass Frauen es nicht zuletzt vor Kolleginnen als beleidigend empfinden, wenn sich solche Männer bei ihnen ernsthaft Hoffnungen zu machen scheinen. Da kann ja jeder kommen!

Nach diesem Vorspann komme ich nun zum eigentlichen Kern des Problems: In der „guten alten Zeit“ war es unstatthaft, den Damen der gehobenen Gesellschaft auf der Straße nachzupfeiffen. Nachgepfiffen wurde lediglich Prostituierten, die nach außen seit Jahrhunderten an Kleidungsmerkmalen erkennbar waren. Nach Ende des 1. Weltkriegs hat sich mit der beginnenden Emanzipation die Damenmode jedoch so sehr in Richtung Freizügigkeit verschoben. Der größte Tabubruch entstand durch die Verwendung von Schminke, was bis dato Prosituierten vorbehalten war. Die dadurch entstandene „Verwechslungsgefahr“ bot Männern die Möglichkeit, diesen Damen einen Schabernack zu spielen, frei nach dem Motto: Wer sich wie eine Postituierte kleidet, wird auch so behandelt. Das war nicht als beleidigend zu verstehen, sondern fiel neudeutsch unter „Prank“ (Streich). Ich bezweifle, dass man die sich in Erosion befindende öffentliche Ordnung allein wegen eines postmodernen Missverständnisses an der falschen Stelle wiederaufbauen sollte.