Die WELT berichtet über einen „Geschichtsaufsatz“ Putins. Das Original liegt mir leider nicht in der Übersetzung vor, deshalb war ich gezwungen auf Google Translate zurückzugreifen. Dabei fiel auf, dass die WELT einiges in den Aufsatz reininterpretiert hat, was Putin so gar nicht gesagt hat. Egal…

„Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat“, lautet ein Zitat, das häufig Napoleon zugeschrieben wird.

Offenbar können sich Putin und westliche Historiker selbst 75 Jahre später immer nicht auf eine gemeinsame Version einigen. Putin bedauert dabei offenkundig, dass die überragende Rolle der Sowjetunion beim Sieg über die Nazis in der westlichen Version irgendwie zu kurz zu kommen scheint, wo Stalin doch so unendlich besorgt um das Schicksal der Tschechei gewesen sei und wo doch die russischen Völker gemeinsam eine unbesiegbare Festung gegen die Nazis gebildet hätten. Den russischen Lesern kamen bei diesen Zeilen bestimmt die Tränen. Mir fehlt es insoweit leider ein wenig an Empathie. Die Geschichte mit der Resolution des Obersten Rates vom 24. Dezember 1989, in der das geheime Protokoll des Hitler-Stalin-Pakts offiziell als „Akt persönlicher Macht“ verurteilt wird, der keineswegs „den Willen des sowjetischen Volkes widerspiegelte, das für diese Verschwörung nicht verantwortlich ist“, ist schlichtweg naiv. Soll das heißen, dass die restlichen Entschlüsse Stalins vom Willen des sowjetischen Volkes getragen waren? Oder wie wäre es damit: Das Bundesverfassungsgericht stellt morgen fest, dass der Holocaust nicht vom Willen des deutschen Volkes getragen war. So einfach ist es nicht.

An dieser Stelle möchte ich ein winziges Detail erwähnen, das nämlich auch noch zu kurz gekommen ist:
Im Jahre 1939 drangen deutsche Truppen unter anderem bis nach Bialystok vor. Sie kamen in Lastwagen und trugen Ledergürtel. Kurz darauf übergaben sie die Stadt an die von Osten vorrückenden Russen und zogen sich in den westlichen Teil Polens zurück. Die Russen kamen mit Pferdekarren und trugen Kordeln um den Bauch. 1941 kamen die Deutschen zurück und wurden vom polnischen Teil der Bevölkerung jubelnd begrüßt. Warum? Nun, dazwischen lagen zwei Jahre Terror, Deportationen und Ermordungen. Woher weiß ich das? Ich weiß das, weil mein Vater dort aufgewachsen ist und es miterlebt hat. Leider fehlen diesbezüglich Ausführungen in Putins Aufsatz zur noblen Sowjetunion. Damals war in Ostpolen die Meinung weit verbreitet, die polnische Regierung hätte nach dem Tod des polnischen Diktators Pilsudski die Beziehungen zu Deutschland ruiniert. Hätte Pilsudski noch gelebt, wäre er bestimmt zusammen mit Deutschland gegen die Sowjetunion in den Krieg gezogen, und zusammen hätte man auch gewonnen. Ja, solche Meinungen gab es unter Polen damals. Das lag natürlich daran, dass man 1939 noch nicht wissen konnte, wie alles enden wird. Hinterher waren alle klüger, auch mein Vater.

Zurück zu Putin: Er möchte, dass die Leistungen der sowjetischen Bürger beim Kampf gegen Hitler stärker gewürdigt werden. Ok, da bin ich sogar bei ihm. Was die Opferzahlen angeht, so hat die in der Tat Sowjetunion gewaltige Verluste hinnehmen müssen. Ferner möchte er, dass sich die USA, China, England, Frankreich und Russland zusammensetzen und – anscheinend – über eine Reform der Vereinten Nationen nachdenken. Auch das halte ich für sinnvoll. Es kann nicht sein, dass die militärisch vollkommen unbedeutende Dritte Welt durch ihre Mehrheit bei den Abstimmungen die unbesiegbaren Atommächte ausplündert. Ich halte diesen Vorschlag übrigens auch dann für richtig, wenn sich Putins Geschichtsverständnis als falsch erweisen sollte.

…womit wir beim Kern des Pudels angelangt wären. Liegt Putin richtig? Nach der Meinung seiner Historiker bestimmt. Nach der Meinung der anglo-amerikanischen Historiker bestimmt nicht. Die Meinung deutscher Experten ist diesbezüglich egal. Die werden in der Regel nur dafür bezahlt, die deutsche Geschichte in den Dreck zu ziehen, damit unsere Politiker weiterhin Krokodilstränen über die große Last der Erbschuld weinen können. Insoweit schließt sich der Kreis, denn Putin möchte für Russland letztlich auch nur ein Stück vom antifaschistischen Heiligenschein abhaben, das größte. Einen Trumpf kann er allerdings vorweisen: Die Sowjetunion saß in Versailles nicht mit am Verhandlungstisch. Diesen katastrophalen Fehler haben andere gemacht.

P.S.: Darauf, dass England seine Archive öffnet, kann Putin übrigens lange warten. Das wird aus gutem Grunde so schnell nicht geschehen.

Update (24.06.2020): Zur Feier des Sieges über das „totale Böse“ lässt Putin marschieren. Wengistens war Steinmeier nicht eingeladen. Es ist schon irgendwo bemerkenswert, dass selbst 75 Jahre später offenbar niemandem eine bessere Narrative eingefallen ist. Wie lange ist das durchzuhalten? Selbst Hollywood hat Ende der 70er Jahre germerkt, dass man mit Weltkriegsfilmen niemanden mehr ins Kino bekommt und auf Star Wars umgestellt.